[Surveillance-Studies-l] surveilance-studies in der faz
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Mon Aug 28 12:07:56 CEST 2006
hier der erwähnte artikel:
Ist Überwachung die Lösung?
Mit Kameras gegen Terroristen: Die einen fürchten Orwells Staat, die
anderen erhoffen Fahndungserfolge. Soziologen winken ab.
VON BORIS HOLZER
Wie erst später bekannt wurde, waren am 3. August durch einen
technischen Defekt sämtliche Überwachungskameras am Münchner Flughafen
stundenlang ausgefallen. Besorgte Kommentatoren stellten sich die
Frage, ob dadurch nicht die Sicherheitslage empfindlich beeinträchtigt
wurde. Angesichts des Stellenwerts, den die Technologie der
kameragestützten Überwachung (CCTV für "closed-circuit television") in
aktuellen Diskussionen über die Terrorismusbekämpfung einnimmt, ist die
Frage nicht unbegründet.
Folgt man jedoch den Ergebnissen von Sozialwissenschaftlern, die sich
mit CCTV und anderen Überwachungssystemen beschäftigen, muß man sich
vielleicht nicht ganz so große Sorgen machen. Die Beiträge zu einer
Veranstaltung über "Surveillance, Security and Social Sorting" im
Rahmen des im südafrikanischen Durban veranstalteten Weltkongresses der
Soziologen gaben jedenfalls Anlaß zur Skepsis, inwiefern
Überwachungstechnik dazu beitragen kann, Kriminalität und Terror zu
verhindern. Aus dem seit den Anschlägen der IRA beinahe flächendeckend
kameraüberwachten London berichtete Pete Fussey, warum CCTV dort als
überaus erfolgreich gilt: Videoaufnahmen hatten wesentlich zur
Festnahme des "Nail Bombers" David Copeland beigetragen, der 1999 in
überwiegend von Einwanderern und Farbigen bewohnten Stadtteilen mehrere
mit Nägeln gefüllte Bomben hatte explodieren lassen. Auch bei der Suche
nach vermißten Kindern und Teenagern waren die Bilder wiederholt
hilfreich gewesen, ebenso bei der Identifizierung einiger Attentäter
vom 7. Juli 2005.
Ein Beleg dafür, daß CCTV nicht nur zur Aufklärung, sondern auch zur
Prävention von Verbrechen beiträgt, steht aber noch aus. Für einen
solchen Effekt fand auch Christine Hentschel (Leipzig) bei ihren
Forschungen in Durban wenig Anhaltspunkte. Die Überwachung vieler
öffentlicher Räume, so Hentschel, führe vielmehr dazu, daß es den
"Bürger", der sie einst bevölkern sollte, in der Wahrnehmung des
Sicherheitspersonals gar nicht mehr gebe. Unterschieden werde vielmehr
zwischen regulären "Nutzern" und "Eindringlingen", und die Aufgabe der
Sicherheitskräfte bestehe darin, die zweite Gruppe zu erkennen und
fernzuhalten. Inwiefern sich aber prospektive Straftäter als
Eindringlinge zu erkennen geben, bleibt offen.
Doch nicht nur die mangelnde Abschreckungswirkung, auch die
Treffsicherheit der Kameraüberwachung gibt wenig Anlaß zu
übersteigerten Hoffnungen. Auch die Erfolge, die man sich von der
Kombination von CCTV und biometrischen Erkennungsverfahren verspricht,
dürften in absehbarer Zukunft ausbleiben. Zu voraussetzungsvoll ist die
Idee, die Bilder von Überwachungskameras mit vorhandenen biometrischen
Profilen in Datenbanken abzugleichen und somit automatisch auf
verdächtige oder gesuchte Personen zu stoßen. Wie Ann Rudinow Saetnan
(Norwegen) zeigte, könnte selbst eine noch nicht in Aussicht stehende
hohe Treffsicherheit biometrischer Erkennungsverfahren die praktischen
Probleme nicht aus dem Weg räumen. Sie liegen vor allem darin, daß jede
auch nur mit leichten Fehlerquoten arbeitende Identifizierungssoftware
eine unverhältnismäßig hohe Zahl falscher Warnungen produzieren würde.
Ähnlich wie bei medizinischen Diagnoseverfahren muß man jeden
Erkennungstest danach beurteilen, wie viele Fälle er richtig als
positiv beziehungsweise negativ identifiziert - und wie viele falsche
Zurechnungen sich ergeben: So wäre es ein "falsches Negativergebnis",
wenn der Terrorist an der Kontrolle nicht erkannt würde, aber ein
"falsches Positivergebnis", wenn der unbescholtene Bürger in Verdacht
geriete.
Das Dilemma besteht darin, daß Testverfahren nicht in beiderlei
Richtung gleichzeitig optimiert werden können, so daß sie einerseits
möglichst jeden Verdächtigen erfassen, andererseits aber praktisch nie
falschen Alarm auslösen würden. Nimmt man an, ein unrealistisch
akkurates System wäre in der Lage, in 90 Prozent der Fälle eine Person
richtig als "verdächtig" oder "nicht verdächtig" klassifizieren zu
können, ergäbe sich das folgende Szenario: Von beispielsweise 20
gesuchten Terroristen, die den überwachten Flughafen im Laufe eines
Jahres benutzen, würden 18 identifiziert und könnten festgenommen
werden. Das klingt gar nicht so schlecht. Gleichzeitig würden bei fast
70 Millionen Passagieren an einem Flughafen wie London-Heathrow
jährlich aber immerhin bis zu sieben Millionen reguläre Passagiere
falsch eingestuft und müßten dementsprechend genauer untersucht werden.
Die aktuellen Bilder von ineinander verschlungenen Warteschlangen wären
dann allenfalls ein Vorgeschmack darauf, wie ein Flughafen in Zukunft
aussehen könnte.
Angesichts derartiger Aussichten liegt es nahe, die einzig praktikable
Nutzung von Überwachungskameras darin zu sehen, es beim Anschein der
Überwachung zu belassen. Für viele Supermärkte und Kaufhäuser weiß man
schließlich von dem hartnäckigen Gerücht, die meisten Kameras seien
nicht einmal ans Stromnetz angeschlossen. Der Vorteil besteht in diesem
Fall darin, daß die Unsicherheit der Technologie immerhin mit einiger
Sicherheit dem zugemutet wird, der mit unlauteren Absichten unterwegs
ist.
Lektürehinweis: http://www.surveillance-studies.org/
Am 28.08.2006 um 11:15 schrieb Nils Zurawski:
> Nach nur 5 Monaten, in denen das Blog für
> surveillance-studies besteht, haben wir es in die
> FAZ am Sonntag geschafft. In der Rubrik
> Erkenntnis und Interesse gab es einen Artikel zu
> Videoüberwachung von Boris Holzer - anscheinend
> Assistent in München bei Ulrich Beck - der von
> der Ergebnisse von der Session in Durban
> berichtete und diese auf gegenwärtige Debatte zu
> Videoüberwachung bezog. Der LIteraturtipp bestand
> dann nur aus der URL zum Blog... ich finde das
> einen schönen Erfolg. ONline kostet der Artikel
> leider Geld.
>
> grüße
>
> nilz
> --
> Dr. Nils Zurawski
> Universität Hamburg
> Inst. für kriminologische Sozialforschung
> Allende-Platz 1
> 20146 Hamburg
> Germany
> tel. +49 (0) 40 42838 6185
> fax. +49 (0) 40 42838 2328
>
> Projekt zu Videoüberwachung: http://www.surveillance-studies.org/blog
> _______________________________________________
> Surveillance-studies-l mailing list
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> https://soundwarez.org/mailman/listinfo/surveillance-studies-l
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