[Surveillance-Studies-l] hr-online: Kameraauge auf!

Detlef Borchers detlef at topspin.de
Mit Okt 11 22:30:50 CEST 2006


toepfer at ztg.tu-berlin.de schrieb:

> 
> toepfer at ztg.tu-berlin.de schrieb Ihnen folgende Mitteilung:
> 
> ******************************************************* Da wird ein
> Bahnhof wegen seiner "optimalen Lichtverhältnisse" ausgewählt, die
> 200 freiwilligen Probanden (ein repräsentativer Querschnitt der
> Bevölkerung??) unter relativ kontrollierten Bedingungen auf
> Rolltreppen biometrisch erfasst, um zu testen, wie automatische
> Gesichtserkennung unter Nicht-Laborbedingungen funktioniert.
> 

Ich war beim Presseauflauf (15 TV-Sender drängelten sich um Bilder) 
dabei, habe auf Heise unter http://www.heise.de/newsticker/meldung/79262 
davon berichtet und nur zur Ergänzung: Die 200 Probanden sind kein 
Querschnitt der Bevölkerung, sondern entsprechen einer 
Täterverteilungs-Statistik des BKA, also erheblich mehr Männer als 
Frauen usw..

Die optimalen Bedingungen in einem Bahnhof oder Flughafen (Rolltreppe 
und Treppe mit gleicher Beleuchtung) waren gar nicht einfach zu finden, 
am Ende war es Mainz wohl auch wegen der Nähe zum BKA. Der Test ist dann 
entsprechend gekürzt worden, weil Vandalismus zum Karneval befürchtet 
wird. (Die sechs Kameras stehen ungesichert auf einem Regal und werden 
von einer normalen Dome-Kamera des S3-Dienstes bewacht)

Wichtig: die Zielvorgabe ist eine sehr moderate Erkennungsrate von 80% 
der 200 Probanden, von denen Templates vorliegen (im Biometrietest 
Border Control am FFM-Flughafen liegt sie bei 98%, allerdings unter 
Super-Lichtbedingungen in der Vereinzelungsschleuse).

Also: Wenn 20% der "Gesuchten" unerkannt durchgehen, wäre die Rate noch 
akzeptabel für eine Hooligan-Prävention, allerdings *inakzeptabel* für 
die Strafverfolger. Die false Positives (fremde Personen, die für einen 
der 200 Probanden gehalten werden) werden angeblich nur 48 Stunden 
gespeichert. Auf die Excel-Tabellen zum Abschluss des Tests dürfen wir 
gespannt sein. Wenn sie ähnlich katastrophal ausfallen wie die Werte vom 
Berliner Interoptest bei den  biometrischen Reisepässen, dann haben die 
Spin Doctors von Pleon & Co. Überstunden noch und nöcher.

Weiterhin gibt die Auswahl der drei Hersteller Anlass zu Bedenken. Da 
ist Cognitec, der "Marktführer", dann L1-ID zusammen mit Bosch 
Sicherheitssysteme (scherzhaft das Schily-Konsortium genannt, siehe 
aktuelle Anfrage der FDP im Bundestag) und Crossmatch-Vitronic. Von 
denen kommen die Kameras in den Mautbrücken von Toll Collect. Es sind 
5-6 Hersteller übergangen worden, behaupten jedenfalls die Hersteller, 
die sich nach der Tickermeldung gemeldet haben. Die Analyse-Software auf 
den DB-Servern ist FaceCheck von C-Vis, ob es da eine Ausschreibung gab, 
wusste niemand. Offen ist auch noch die Frage geblieben, wer die 
wissenschaftliche Auswertung durchführt. Vielleicht die Kriminologen von 
der Uni Gießen, wo der BKA-Vizepräsident seine Professur hat? OK, das 
ist wirklich unfair.... --Detlef