[Surveillance-Studies-l] hr-online: Kameraauge auf!
Gerrit Hornung
gerrit.hornung at uni-kassel.de
Don Okt 12 09:19:05 CEST 2006
Kurzer Widerspruch, Detlef: es kommt immer darauf an, wie man mit den
positives umgeht. 80% Erkennungsrate wäre natürlich inakzeptabel, wenn man
darauf eine Verurteilung stützen wollte - das tut aber niemand. Sollte die
Reaktion auf einen 80%-Match (etwa mit einer auf Schwerstverbrecher
reduzierten Fahndungsdatenbank) aber sein, dem so Erkannten den BGS zur
Ausweiskontrolle hinterherzuschicken, wäre das völlig ausreichend - die
Reaktion wäre dieselbe, wenn jemand zu den Beamten käme und sagen würde, er
habe mit ziemlicher Sicherheit im Bahnhof jemanden getroffen, den er von
einem Fahndungsphoto kennt.
Die Sache bestätigt jedenfalls, dass die Gesichtserkennung mittel- und
langfristig m.E. das mit Abstand folgenreichste biometrische Verfahren
ist...
-----------
Dr. Gerrit Hornung, LL.M. (European Law)
- Geschäftsführer -
Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)
Universität Kassel
Wilhelmshöher Allee 64-66
34119 Kassel
Tel.: 0561 804 6095
Fax: 0561 804 6081
gerrit.hornung at uni-kassel.de
http://www.uni-kassel.de/fb7/oeff_recht/personen/persGH.ghk
-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: surveillance-studies-l-bounces at soundwarez.org
[mailto:surveillance-studies-l-bounces at soundwarez.org] Im Auftrag von Detlef
Borchers
Gesendet: Mittwoch, 11. Oktober 2006 22:31
An: Mailingliste des Forschungsnetzwerkes Surveillance Studies
Betreff: Re: [Surveillance-Studies-l] hr-online: Kameraauge auf!
toepfer at ztg.tu-berlin.de schrieb:
>
> toepfer at ztg.tu-berlin.de schrieb Ihnen folgende Mitteilung:
>
> ******************************************************* Da wird ein
> Bahnhof wegen seiner "optimalen Lichtverhältnisse" ausgewählt, die
> 200 freiwilligen Probanden (ein repräsentativer Querschnitt der
> Bevölkerung??) unter relativ kontrollierten Bedingungen auf
> Rolltreppen biometrisch erfasst, um zu testen, wie automatische
> Gesichtserkennung unter Nicht-Laborbedingungen funktioniert.
>
Ich war beim Presseauflauf (15 TV-Sender drängelten sich um Bilder)
dabei, habe auf Heise unter http://www.heise.de/newsticker/meldung/79262
davon berichtet und nur zur Ergänzung: Die 200 Probanden sind kein
Querschnitt der Bevölkerung, sondern entsprechen einer
Täterverteilungs-Statistik des BKA, also erheblich mehr Männer als
Frauen usw..
Die optimalen Bedingungen in einem Bahnhof oder Flughafen (Rolltreppe
und Treppe mit gleicher Beleuchtung) waren gar nicht einfach zu finden,
am Ende war es Mainz wohl auch wegen der Nähe zum BKA. Der Test ist dann
entsprechend gekürzt worden, weil Vandalismus zum Karneval befürchtet
wird. (Die sechs Kameras stehen ungesichert auf einem Regal und werden
von einer normalen Dome-Kamera des S3-Dienstes bewacht)
Wichtig: die Zielvorgabe ist eine sehr moderate Erkennungsrate von 80%
der 200 Probanden, von denen Templates vorliegen (im Biometrietest
Border Control am FFM-Flughafen liegt sie bei 98%, allerdings unter
Super-Lichtbedingungen in der Vereinzelungsschleuse).
Also: Wenn 20% der "Gesuchten" unerkannt durchgehen, wäre die Rate noch
akzeptabel für eine Hooligan-Prävention, allerdings *inakzeptabel* für
die Strafverfolger. Die false Positives (fremde Personen, die für einen
der 200 Probanden gehalten werden) werden angeblich nur 48 Stunden
gespeichert. Auf die Excel-Tabellen zum Abschluss des Tests dürfen wir
gespannt sein. Wenn sie ähnlich katastrophal ausfallen wie die Werte vom
Berliner Interoptest bei den biometrischen Reisepässen, dann haben die
Spin Doctors von Pleon & Co. Überstunden noch und nöcher.
Weiterhin gibt die Auswahl der drei Hersteller Anlass zu Bedenken. Da
ist Cognitec, der "Marktführer", dann L1-ID zusammen mit Bosch
Sicherheitssysteme (scherzhaft das Schily-Konsortium genannt, siehe
aktuelle Anfrage der FDP im Bundestag) und Crossmatch-Vitronic. Von
denen kommen die Kameras in den Mautbrücken von Toll Collect. Es sind
5-6 Hersteller übergangen worden, behaupten jedenfalls die Hersteller,
die sich nach der Tickermeldung gemeldet haben. Die Analyse-Software auf
den DB-Servern ist FaceCheck von C-Vis, ob es da eine Ausschreibung gab,
wusste niemand. Offen ist auch noch die Frage geblieben, wer die
wissenschaftliche Auswertung durchführt. Vielleicht die Kriminologen von
der Uni Gießen, wo der BKA-Vizepräsident seine Professur hat? OK, das
ist wirklich unfair.... --Detlef
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