[Surveillance-Studies-l] Die unkontrollierte Kontrollgesellschaft
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Thu Jan 25 21:56:17 CET 2007
taz, 25.1.2007
Die unkontrollierte Kontrollgesellschaft
Auf dem Weg in den Überwachungsstaat: Flammender Appell des Hamburger
Datenschützers Lubomierski für den Schutz der Privatsphäre vor der
Sammelwut von Behörden und Wirtschaft. Der beobachtungsfreie Raum werde
immer enger
Von Sven-Michael Veit
Mit ungewöhnlich scharfen Worten hat der Hamburger
Datenschutzbeauftragte Hartmut Lubomierski Politik und Wirtschaft
aufgefordert, die Freiheitsrechte der Bürger zu achten. "Seit dem 11.
September reißt die Kette der Erweiterungen, Verschärfungen und
Neueinführungen von Kontrollen und Überwachungen, von Meldepflichten
und Datenabgleichen nicht mehr ab", schreibt er in einer Erklärung zum
1. Europäischen Datenschutztag am kommenden Sonntag. Dies sei "kein Tag
zum Feiern", erklärt Lubomierski. Seine "nüchterne Bilanz von mehr als
25 Jahren Datenschutz" formuliert er so: "Wir sind auf dem Weg in die
totale elektronische Erfassung des Menschen."
Die Sammelwut des Staates und auch der Wirtschaft habe inzwischen
solche Ausmaße angenommen, dass ein "Dammbruch beim Datenschutz" drohe.
Vor allem die "ausufernde Datenverarbeitung zu Sicherheitszwecken",
ergänzt Karsten Neumann, Datenschutzbeauftragter in
Mecklenburg-Vorpommern, gefährde "die Balance zwischen Freiheit und
Sicherheit". Entsprechend lang ist die Liste der Kritikpunkte und der
geforderten Gegenmaßnahmen, welche die Datenschützer zusammengestellt
haben.
Sorge bereitet ihnen vor allem die Vorratsdatenspeicherung aller
Telekommunikationsdaten, die Kontenüberwachung und die Übermittlung von
Passagierdaten bei Flügen in die USA, genauso die zunehmende
Einrichtung von zentralen Datenpools - Zentrales Schülerregister,
Nationales Bildungsregister, Zentrales Steuerregister, Elektronische
Gesundheitskarte oder auch die Job-Card.
Überhaupt nicht einverstanden ist Lubomierski auch mit den immer
ausgefeilteren Überwachungsmethoden im öffentlichen Raum, wie sie in
allen norddeutschen Bundesländern in Polizei- oder Sicherheitsgesetzen
festgeschrieben wurden. Personenkontrollen ohne konkreten Verdacht auf
eine Straftat, Datenabgleiche zwischen Polizei und Verfassungsschutz,
die Videoüberwachung von Straßen, Plätzen oder Bahnhöfen ebenso wie in
Kaufhäusern und selbst in Firmen, Schulen und Altenheimen "darf es
nicht geben", findet Lubomierski. Zwar mag jede einzelne Maßnahme "für
sich betrachtet weitgehend begründbar" sein, räumt er ein, "in der
Summe aber" würden die Menschen mit einer "allgegenwärtigen Kontroll-
und Überwachungsstruktur" überzogen: "Der beobachtungsfreie Raum", so
sein Fazit, "wird immer enger."
Das Recht des Einzelnen, sich im öffentlichen Raum unbeobachtet bewegen
zu können, müsse wieder hergestellt werden. Als Beispiel führt er die
Videoüberwachung auf dem angeblichen "Kriminalitätsschwerpunkt"
Reeperbahn an: Die Hamburger Innenbehörde plant eine Ausweitung, obwohl
die bereits existierende Beobachtung noch nicht "ergebnisoffen
überprüft worden" sei.
Nach vorläufiger Auswertung habe sich jedoch ergeben, dass sehr viel
mehr Straftaten als zuvor jetzt in den unbeobachteten Nebenstraßen
begangen werden. "Die Videoüberwachung führt zur Verdrängung der
Kriminalität", schließt Lubomierski daraus, "nicht aber zu ihrem
Wegfall."
Auch von der Wirtschaft verlangt er, auf ein Kredit-Scoring ohne
Offenlegung der Datenbasis und der Berechnungsgrundlagen zu verzichten.
Telefonwerbung dürfe nicht ohne Einwilligung der Betroffenen erfolgen.
Außerdem müsse allen Bürgern ein anonymer Internetzugang ermöglicht
werden.
Mächtig gekracht hatte es bereits Ende vorigen Jahres in
Schleswig-Holstein. Damals hatte der Datenschützer des Landes, Thilo
Weichert, die Einführung einer Anti-Terror-Datei massiv kritisiert.
"Der Rechtsstaat", warf er Innenminister Ralf Stegner (SPD) vor,
"befindet sich auf einer abschüssigen Bahn." Vor allem des Ministers
Pläne zur Ausweitung der Videoüberwachung in der Öffentlichkeit und
eine "präventive Telekommunikationsüberwachung" lehnte Weichert
entschieden ab.
"Im Zweifel muss sich der Innenminister für die Gefahrenabwehr und den
Opferschutz entscheiden", beschied Stegner damals kühl. "Auffassungen,
wir würden immer mehr zu einem Überwachungsstaat, sind aber
grundfalsch", behauptete er. Und Weichert unterstellte er, "das Recht
auf freie und ungestörte Verbrechensausübung" verteidigen zu wollen.
Aus vergleichbaren Gründen warf zuvor bereits der niedersächsische
Datenschutzbeauftragte Burckhard Nedden das Handtuch. Der als Hardliner
berüchtigte CDU-Innenminister Uwe Schünemann sei ein
"sicherheitspolitischer Überzeugungstäter", befand Nedden und verzog
sich in den vorzeitigen Ruhestand.
Gar Friedhofsruhe befürchtet inzwischen Lubomierski. Von den
Sicherheitsfanatikern werde gezielt "ein Klima der Alltäglichkeit der
Beobachtung und der Gewöhnung an Überwachung" geschaffen. "Dagegen
müssen wir uns wehren", sagt er, "sonst führt der Weg in eine
Überwachungsgesellschaft."
taz Nord vom 26.1.2007, S. 21, 163 Z. (TAZ-Bericht), Sven-Michael Veit
More information about the Surveillance-studies-l
mailing list