[Surveillance-Studies-l] Innensenator Nagel lobt Videoüberwachung
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Fri Mar 2 12:07:46 CET 2007
taz, 02.03.2007
Sicherheit durch Kameras
Innensenator Nagel lobt Videoüberwachung im öffentlichen Raum und
kündigt Ausbau an. Experten halten Kameras zur Verbrechensvermeidung
dagegen für unsinnig. Kriminalitätsrate gesunken
Von Elke Spanner
Schon ehe belastbare Zahlen vorliegen, ist Innensenator Udo Nagel
(parteilos) vom Erfolg der Videoüberwachung auf der Reeperbahn
überzeugt. Die habe "viel gebracht", beteuerte Nagel gestern bei der
Vorstellung der polizeilichen Kriminalstatistik. Was genau, kann er
allerdings erst Ende April berichten: Dann hat seine Behörde die
Beobachtungen aus dem ersten Jahr ausgewertet. Schon jetzt kündigte
Nagel aber an, die Überwachung weiter auszubauen.
Die Installation von Kameras, sagte Nagel, sei inzwischen
unverzichtbares Werkzeug der Verbrechensbekämpfung geworden. So sei es
anhand aufgezeichneter Bilder beispielsweise möglich gewesen, drei
Serien von Vergewaltigungen an Hamburger Bahnhöfen aufzuklären. Nicht
zuletzt dadurch stieg die Aufklärungsquote bei Vergewaltigung und
schwerer sexueller Nötigung im vergangenen Jahr um fast acht Prozent
an: In 76,7 Prozentder angezeigten Fälle wurde der Täter gefasst.
Wer sich aber wissenschaftlich mit der Videoüberwachung befasst, kommt
zu anderen Ergebnissen als der Senator. Das kriminologische Institut
der Uni Hamburg hat drei Jahre dazu geforscht. Projektleiter Nils
Zurawski bezeichnete es gegenüber der taz als "unlauter", dass Nagel
die Kameras wegen der Verbrechensaufklärung lobt - dafür sind sie
gesetzlich gar nicht zugelassen. Videokameras dürfen nur zur
Verbrechensvermeidung aufgehängt werden - präventiv, sagt Zurawski,
"wirken sie nachweislich nicht". Das sei selbst an den Fällen
abzulesen, die Nagel zur Verteidigung der Kameras zitiert: Zwar sei es
ein "guter Zufall", dass drei Vergewaltiger dank Video gefasst werden
konnten. Die aber hätten sich ja offenkundig gerade nicht durch die
Kameras von ihren Taten abhalten lassen.
In der Studie des Instituts, deren Abschlussbericht in der kommenden
Woche vorliegen soll, sei auch deutlich geworden, dass die Überwachung
das Sicherheitsgefühl der Bürger keinesfalls stärkt. Im Gegenteil, sagt
Projektleiter Zurawski: Orte, an denen Kameras installiert sind, würden
als besonders kontrollbedürftig und dadurch besonders unsicher
empfunden. "Kameras erhöhen die Sicherheit unsicherer Orte nicht,
sondern bestärken das Gefühl der Unsicherheit."
Dem Innensenator zufolge können sich die Bewohner Hamburgs aber immer
sicherer fühlen: So wurde 2006 die niedrigste Kriminalitätsrate seit
1983 registriert. 236.547 Delikte sind verzeichnet - 8.260 weniger als
im Vorjahr. Die Aufklärungsquote stieg demnach auf rund 47 Prozent.
taz Nord vom 2.3.2007, S. 24, 86 Z. (TAZ-Bericht), Elke Spanner
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