[Surveillance-Studies-l] Kameras sprechen mit Kinderstimmen

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Wed May 30 12:04:37 CEST 2007


> Spiegel online
>
> Überwachung bei den Briten
>
> Kameras sprechen mit Kinderstimmen
>
> Von Khuê Pham
>
> In Großbritannien wird es bald flächendeckend Überwachungskameras  
> geben, die
> nicht nur spitzeln, sondern auch sprechen - mit Kinderstimmen.  
> Kritiker
> fürchten den Siegeszug der elektronischen Wächter: "Wir leben in einem
> Überwachungsstaat."
>
> 4,2 Millionen Überwachungskameras behalten in Großbritannien die  
> Bevölkerung
> immer im Auge. Jetzt werden sie gesprächig: Sie sollen  
> flächendeckend - wie
> George Orwells spitzelnde und sprechende Teleschirme in "1984" - durch
> Lautsprecher zu redenden Kameras aufgerüstet werden.
>
> Schon seit August 2006 ermahnen neun von diesen "Talking CCTVs" die  
> Menschen
> im nordenglischen Middlesbrough, wenn sie Müll liegen lassen, Streit
> anzetteln oder Verbrechen begehen. Das Pilotprojekt gilt aufgrund von
> gesunkenen Abfall- und Randaleraten als Erfolg. Die Regierung hat  
> daher im
> April eine 500-Millionen-Pfund-Großoffensive (733 Millionen Euro) zur
> Verbreitung der sprechenden Kameras in weiteren 20 Gemeinden  
> gestartet. Das
> zuständige "Respektkommando" ("Respect Task Force") hat bei dieser  
> Operation
> vor allem die Kinder im Blick - sie sollen den sprechenden Kameras  
> ihre
> Stimmen leihen.
>
>
> Auf Kinderstimmenfang
>
> Per Posterwettbewerb an Grundschulen - als "Preis" dürfen die Gewinner
> Parolen für die Kameras vertonen - gehen die Respekt-Propagandisten  
> auf
> Kinderstimmenfang. Gleichzeitig laufen die technischen  
> Vorbereitungen für
> den Start der "Talking CCTVs" Ende Mai. "Wir wollen die Menschen daran
> erinnern, was respektvolles Verhalten ist und was nicht", erklärt
> Respekt-Leiterin Louise Casey, "Und wir ermutigen Kinder, den  
> Erwachsenen
> eine klare Botschaft zu senden: 'Wer sich anti-sozial verhält, muss  
> eine
> öffentliche Blamage hinnehmen.'"
>
> Im Südlondoner Problembezirk Southwark, wo 13 der 130 Kameras mit
> Lautsprechern und Sprechanlagen aufgerüstet werden sollen,  
> bereitete man die
> Kinder bei einer Straßenparade im April schon mal auf ihre  
> erzieherische
> Rolle vor: Als Abfall verkleidet, ermahnten sie die Passanten,  
> ihren Müll
> immer schön in die Tonne zu werfen. Alles sehr emanzipatorisch, findet
> CCTV-Kontrolleur Ian Gentry. "Indem wir die Gemeindemitglieder  
> einbeziehen,
> geben wir ihnen die Macht, für Ordnung zu sorgen", sagte er SPIEGEL  
> ONLINE.
>
> Nachgerade bizarr ist, was Kristianah Fasunloye vom Ostlondoner  
> Bezirksamt
> Barking und Dagenham zu ihren 16 künftig sprechenden Kameras sagt:  
> "Wir
> werden Kinderstimmen wegen ihres Schockeffekts benutzen."
> Straßenverschmutzer würden einfach effektiver von Kindern ermahnt.
> Allerdings würde der Trick nicht in allen Situationen  
> funktionieren, so
> Fasunloye zu SPIEGEL ONLINE, bei schlimmeren Übeltätern müssten  
> schon die
> Kameraoperateure das Wort ergreifen.
>
>
> 500 Millionen Pfund für Überwachungskameras
>
> Ob die groß angelegte Aktion tatsächlich den gewünschten Effekt  
> haben wird,
> ist allerdings zweifelhaft. Laut einer Studie der Behörde des
> Informationsbeauftragten von 2006 ("Surveillance Society") wurde in  
> den
> letzten zehn Jahren vom Staat allein 500 Millionen britische Pfund in
> CCTV-Infrastruktur investiert - ohne einen Nachweis, dass mehr  
> Überwachung
> zu weniger Kriminalität führt. Eine Studie des Innenministeriums  
> von 2005
> ergab, dass die Kameras weder die Verbrechensquote verringerten  
> noch das
> Sicherheitsgefühl der Menschen steigerten. "CCTV kann nicht als Erfolg
> bezeichnet werden", folgerten die Autoren, "es hat viel Geld  
> gekostet ohne
> die gewünschten Vorteile gebracht zu haben."
>
> Auch die Verbalattacken der sprechenden Kameras werden im Kampf  
> gegen die
> Kriminalität keine wirkungsvolle Waffe sein, glaubt Liberty- 
> Sprecherin Jen
> Corley. "Indem sie die CCTVs technisch immer weiter entwickelt,  
> gibt sich
> die Regierung den Anschein der Verbrechensbekämpfung", sagte sie  
> SPIEGEL
> ONLINE, "in Wirklichkeit handelt es sich aber um technische Mätzchen."
> Sinnvoller wäre es, stattdessen in Polizeipatrouillen oder
> Straßenbeleuchtung zu investieren, die nachgewiesenermaßen die  
> Kriminalität
> reduzieren. Die Kameras dagegen seien hauptsächlich zur  
> Beweissammlung zu
> gebrauchen.
>
> Die Massenüberwachung sei zudem problematisch, da sie die  
> Privatsphäre der
> Menschen erheblich einschränke, fügt Corley hinzu. Zusammen mit  
> geplanten
> Datensammlungsprojekten der Regierung wie dem biometrischen Pass  
> und der
> Bürgerdatenbanken befürchtet sie eine gesellschaftliche  
> Veränderung, die
> eine "Nation von Verdächtigen" schaffen könnte.
>
>
> "Wir sind ein Ü berwachungsstaat"
>
> Auch der englische Informationsbeauftragte Richard Thomas findet die
> "exzessive Überwachung" sehr problematisch. Anfang des Monats  
> plädierte er
> für strengere Richtlinien im Datenschutz, um die Privatsphäre und  
> Sicherheit
> des Einzelnen zu gewähren. Es könne sonst "zu einer unnötigen  
> Invasion in
> das Leben der Menschen zum Verlust der persönlichen Autonomie  
> kommen", sagte
> er und warnte, dass sich das Land andernfalls zu einer
> Überwachungsgesellschaft entwickeln könnte.
>
> "Wir sind jetzt schon ein Überwachungsstaat", widerspricht der
> Informationswissenschaftler der London School of Economics, Simon  
> Davies.
> Laut einer YouGov Umfrage vom letzten Jahr sieht das die große  
> Mehrheit - 79
> Prozent der 1979 Befragten - genau so. "Unsere Regierung ist  
> besessen von
> CCTVs und wird nicht eher halt machen, bis auch das letzte  
> Fleckchen in
> Großbritannien von Kameras bewacht wird", sagte Davies SPIEGEL  
> ONLINE. Im
> Gegensatz zu anderen Ländern wie zum Beispiel Deutschland, wo man die
> Installation jeder Kamera rechtfertigen müsse, herrsche auf der Insel
> zunehmend eine Mentalität der "Standard-Beobachtung".
>
> Allerdings wächst auch der Widerstand. Davies erzählt von Bauern,  
> die mit
> ihrem Truck die Kameramasten wegreißen oder Aktivisten, die die  
> Linsen der
> elektronischen Augen besprühen. "CCTV-Vandalismus ist ein ernsthaftes
> Problem für die Behörden geworden", sagt Davies nicht ohne Genugtuung.
> "Inzwischen gibt es sogar Kameras, die ausschließlich andere Kameras
> überwachen."
>
> http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,483939,00.html
>
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> http://soundwarez.org/mailman/listinfo/echo



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